Interview mit Gerhard Bühler

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Mit einem Steinadler jagen? Da hat man Assoziationen von kahlem Steingelände in Ostasien, eine in jeder Hinsicht fernliegende Angelegenheit. Aber auch in Europa wird mit dem Steinadler gejagt. Ein Falkner, der das tut, ist Gerhard Bühler aus Ottoschwanden. Unser Autor Peter Wickum hat mit ihm gesprochen.

Wie bist du denn dazu gekommenen, mit einem Steinadler zu jagen? 

Ich bin schon als Kind zur Falknerei gekommen. Mit elf Jahren habe ich die ersten Greifvögel und Eulen großgezogen. Die habe ich aus der Nachbarschaft bekommen, weil sie vielleicht aus dem Nest gefallen oder pflegebedürftig waren. Ich habe sie dann ums Haus herum bei täglicher Futtergabe im Freiflug gehabt, bis die sich dann natürlicherweise selbst ausgewildert haben. 

Und dann hat mich die Jagd auch immer fasziniert. Letztlich bin ich dann an den Greifvögeln hängengeblieben, weil ich als Elfjähriger damals den Film von Horst Stern „Die Beizjagd mit dem Habicht“ gesehen habe. Das hat mich total fasziniert, und mir war klar, ich muss mich da kundig machen, mit Büchern und im Fernsehen. Und damals gab es noch eine Falknerei in Waldkirch, da bin ich oft hingegangen. 

Dann habe ich 1988 zuerst die Jägerprüfung und gleich danach die Falknerprüfung gemacht und sofort angefangen. Zunächst mit einem Habicht, dann mit einem Wanderfalken. Auf Krähen und Fasanen, wo das revierbedingt möglich war, aber auch Kaninchen und Stockenten. Vor 20 Jahren habe ich dann in Niederösterreich gesehen, wie Falkner mit Steinadlern gejagt haben. Und das hat mich so fasziniert, dass ich sogleich Adlerzüchter kontaktierte habe. Dann habe ich mir ein junges Steinadlerweib aufgestellt, mit dem ich 15 Jahre lang gejagt habe. Steinadler können in der Natur etwa 20 Jahre alt werden. In menschlicher Obhut wegen der guten und vorsorglichen Betreuung sowie der möglichen medizinischen Versorgung aber durchaus 40 bis 45 Jahre.

Das Steinadlerweib ist nach einer Erkrankung gestorben, und heute fliege ich einen Terzel. Der heißt Kabul, seine Vorfahren stammen aus Afghanistan.

Wo ist der Unterschied zwischen der Jagd mit dem Gewehr und der Beizjagd?

Ein abgerichteter Greifvogel ist kein Gegenstand, den man einfach mal wie eine Waffe in den Schrank stellt. Er muss gut vom Falkner versorgt werden, auch außerhalb der Jagdsaison.

Ich kann mit dem Vogel wegen der Schonzeiten nur von Oktober bis einschließlich Dezember jagen. Bis dahin muss er fit sein, das heißt er muss kraftvoll fliegen und in guter Kondition sein. Anfang September fange ich dann mit dem Training an, täglich mindestens ein bis zwei Stunden. Da lässt man den Vogel vielleicht hangaufwärts fliegen, gegen den Wind, so dass er richtig Kraft braucht. Dazu stelle ich dann Pfosten auf, so etwa einen Meter hoch. Und dann holt er sich von Pfosten zu Pfosten und manchmal auch von der behandschuhten Faust tote Eintagsküken, bis über eine Strecke von etwa 500 Metern hinweg. Und wenn er dann konstitutionell fit ist, geht es los zum Jagen.

Man trägt den Vogel durch das Gelände und hat den Hund dabei, der sich mit der Beizjagd auskennt. Die Hunde haben schon Respekt vor dem Adler. Denn für den Hund könnte der Vogel unter Umständen zum Problem werden, manche Adler sind durchaus aggressiv Hunden gegenüber. Der Hund spürt das Wild auf und legt sich dann ab. Er darf nicht nachprellen, wenn das Wild hochgeht. Dann entscheide ich, ob ich den Vogel fliegen lasse. 

Es ist ein kontrolliertes Jagen. Der Vogel fliegt nicht einfach so im Himmel rum und schaut: Was geht da? Das wäre auch gefährlich, denn er könnte so durchaus auch in einem Vorgarten mal ein Haustier schlagen.  

Letztlich bringe ich den Vogel nur ans Wild. Was dann zwischen Wild und Vogel passiert, darauf habe ich keinen Einfluss. Es ist wie in der Natur eine natürliche Auslese. Was der Adler greifen kann, wird zur Beute, die anderen leben weiter. Ein gesundes, nervenstarkes Stück lässt sich aber nicht so leicht fangen, das weiß, wie es sich verhalten muss. In der Natur gibt es durchschnittlich fünf bis sieben Jagdflüge, bis der Greifvogel erfolgreich war, und so ähnlich ist es bei der Beizjagd auch.

Welches Wild kann man mit einem Adler jagen?

Das Weib ist größer als der Terzel, der ist ein Drittel kleiner. Das Weib ist auch stärker als der Terzel und kann einen Fuchs oder auch mal ein schwaches Reh fangen. Diese Rehe sind meist sehr schwach und haben oft ein Handycap, das man vielleicht aber erst sieht, wenn sie zur Beute geworden sind. Das typische Wild für den Steinadler ist bei uns aber der Feldhase. Die Hasen sind nicht so leicht zu fangen, wie man vielleicht denkt. Die schlagen Haken und haben eine gewisse Luftsprungakrobatik drauf. Ich habe des Öfteren gesehen, wie der Hase über den Adler hinweg gesprungen ist. Sobald der Adler den Hasen greifen möchte, springt der Hase hoch, bis zu zwei Meter. Ich bin sicher, dass der Junghase durch den Kontakt mit Raubvögeln lernt, wie er sich verhalten muss, um zu überleben. Und wenn dann der Beizvogel anjagt, wissen sie, wie sie es machen müssen. Wenn die Hasen nervenstark sind, kriegt der Adler sie nicht. Die leichteste Beute ist der Fuchs, der rennt einfach geradeaus.

Der Adler selektiert ja bei der Jagd. Bei der Jagd mit der Flinte ist gezielte Selektion dagegen kaum möglich, denn dort wird jeder Hase zur Strecke gebracht, den man mit der Flinte treffen kann.

Wenn der Vogel Beute gemacht hat, lasse ich ihm erst mal ein bisschen Zeit, sich zu beruhigen, das Adrenalin abbauen. Dann nehme ich dem Adler die Beute ab. Auf der Faust belohne ich ihn mit blankem Fleisch, meist vom Rehwild aus Wildunfällen. So bekommt er einen vollen Kropf. Das Fleisch geht erst in den Kropf und wird da von der sehr aggressiven Kropfsäure vorverdaut, bevor es in den Magen geschoben wird. Das geht über einen Zeitraum von etwa zwei Tagen. 

Das Rehfleisch habe ich in Streifen zu etwa 250 - 350 Gramm zerlegt und nehme ihn damit von der Beute runter. Bevor er den Hasen für sich selbst zerlegen muss, nimmt er lieber das Fleisch, das ich ihm anbiete, dann kann er sofort fressen. Der Vogel weiß das und überlässt deshalb die Beute mir, ohne Stress aufzubauen. In der Natur würde er sie gegen andere Greifvögel verteidigen, was für den Nahrungskonkurrenten sehr schmerzhaft werden kann. Aber mich sieht er ja nicht als Nahrungskonkurrenten, wir kommen klar miteinander.

Autor: Peter Wickum
Bilder: Gerhard Bühler